Kleiner Mümmelmann
Wer unsere Kaninchen beobachtet, merkt schnell: Hinter den langen Löffeln und den grossen Augen steckt weit mehr als ein niedliches Tier. Kaninchen sind neugierig, sozial und haben jedes für sich eine unverwechselbare Persönlichkeit. Sie kuscheln, streiten, spielen und hoppeln dabei mit einer Leichtigkeit durch ihr Gehege, die einfach gute Laune macht.
Bei uns im Tierpark Reinach leben sie seit 2026 in einem eigens für sie gestalteten neuen Gehege, das ihren natürlichen Bedürfnissen nach Scharren, Rennen und Verstecken gerecht wird.
Am 3. April durften unsere Kaninchen Piemento und Foxxy ins neue Gehege umziehen. Und mit Alea, Emil, Emilio, Juno, Lilly, Lilo, May und Shadow haben sie erst noch acht neue Gspännli zur Gesellschaft bekommen. Seit Ostermontag dürfen sie nun auch das Aussengehege erkunden. Mal schauen, wer sich als erstes raus traut.
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Bis die Abdeckung auf dem Aussengehege ebenso mardersicher wie der Bodengrund ist, kommen die Kaninchen zu ihrer eigenen Sicherheit am Abend jeweils zurück in den Innenbereich.
Wissen
Kaninchen oder Hase? Wenn du die folgenden Abschnitte gelesen hast, fällt es dir nicht schwer, die beiden zu unterscheiden. Du erfährst aber auch was du alles brauchst, wenn du ein Kaninchenpärchen bei dir aufnehmen möchtest.
Wusstest du übrigens: Weder Hase noch Kaninchen sind Nagetiere und dass Kaninchen nicht erbrechen können oder weshalb es den Osterhasen gibt?
Hase oder Kaninchen?
Ein häufiges Missverständnis ist die Gleichsetzung des Hasen mit dem Kaninchen. Eines haben beide aber wirklich gemeinsam: Obwohl ihre nachwachsenden Zähne sie wie Nagetiere wirken lassen, zählen sie nicht zu diesen sondern gehören beide zur Ordnung der Hasenartigen.
Zwei unterschiedliche Arten: Das ist aber auch schon das Wichtigste, was sie verbindet. Denn es handelt sich tatsächlich um zwei verschiedene Arten, die sich auch nicht miteinander verpaaren können. Selbst in ihrem Verhalten unterscheiden sie sich grundlegend. Zudem können Kaninchen domestiziert und gezüchtet werden, der Feldhase hingegen nicht. Aber auch äusserlich sind die Unterschiede deutlich (siehe nebenstehendes Bild).
Wenn im Alltag vom Hasen die Rede ist, ist damit übrigens in der Regel der Feldhase gemeint, wissenschaftlich bekannt als Lepus europaeus.
Hasenartige
Zähne: Im Gegensatz zu den Nagetieren besitzen Hasenartige im Oberkiefer vier Schneidezähne, die zwei grossen sowie gleich dahinter die zwei kleinen Stiftzähne, dazu 22 Backenzähne. Nagetiere hingegen haben oben und unten nur je zwei Schneidezähne sowie maximal 16 Backenzähne. Zudem ist bei Hasenartigen der Zahnschmelz an den Schneidezähnen rundherum angelegt und strahlendweiss, bei Nagetieren hingegen existiert er nur an der Vorderseite und ist dort orange-gelb gefärbt.
Auch der Verdauungsapparat unterscheidet sich grundlegend: Der Magen bei Hasenartigen ist nicht geeignet die zellulosereiche Pflanzennahrung vollständig aufschliessen. Stattdessen ist der Blinddarm der eigentliche Hauptverdauungs-bereich. Dieser kann dann auch das Zehnfache des Mageninhalts aufnehmen.
Auch hat der Magen eine viel schwächere Muskulatur als der von Nagetieren. Weshalb er die Nahrung nur weitertranspor-tieren kann, wenn ständig neues Futter nachkommt. Kaninchen und Hasen müssen daher den ganzen Tag über fressen können – ein leerer Magen kann sonst schnell zu gefährlichen Verdauungsproblemen führen.
Der Feldhase
Feldhasen sind schlank und gross, mit langen Hinterbeinen, und bringen mit 3 bis 5 Kilogramm ein ordentliches Gewicht auf die Waagschale. Ihre langen Ohren mit den charakteristischen schwarzen Spitzen und die bernsteinfarbenen Augen mit den ovalen Pupillen machen sie unverwechselbar. Dazu kommt das kurze, im Sommer bräunliche und im Winter graue Fell.
Dank ihrer seitlichen stehenden Augen haben sie ein Sichtfeld von nahezu 360 Grad, also quasi Rundumsicht. Aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit reagieren sie jedoch vor allem auf Bewegungen. Da hilft ihnen ihr gut entwickelter Geruchssinn, auch langsamere Fressfeinde rechtzeitig wahrzunehmen.
Standorttreue: Feldhasen sind standorttreu und verteidigen ihr Revier, welches je nach Nahrungsangebot 50 bis 300 Hektaren umfassen kann, dann auch entsprechend gegen Eindringlinge. Als Einzelgänger treffen sie nur zur Paarungszeit auf andere Hasen, wobei es zu Boxkämpfen zwischen rivalisierenden Männchen um die Gunst eines Weibchens kommen kann.
Lebensraum: Sie bevorzugen Wiesen, Felder und Wälder und nagen auch gerne an Trieben und Rinden. Ebenfalls zu ihrer Nahrung gehört der eigene Blinddarmkot. Mehr dazu bei der Ernährung der Kaninchen.
Ein Einzelgänger, der jedem Sprinter Konkurrenz macht: Der Feldhase ist vor allem in der Dämmerung aktiv ist. Tagsüber ruht er in flachen Bodenmulden, der sogenannten Sasse, wo er dank seines Fells gut getarnt ist. Bei Gefahr drückt er sich flach hinein. Muss er dennoch flüchten, zeigen seine langen Hinterbeine, was in ihnen steckt: Sprünge von bis zu 2 Metern Höhe und 3 Metern Weite sind keine Seltenheit. So erreicht er auf der Flucht Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h und legt dabei hackenschlagend beeindruckende Strecken zurück.
Lebenserwartung: Feldhasen können bis zu 12 Jahre alt werden, doch angesichts der Bedrohung durch Raubtiere, Jagd und intensive Landwirtschaft erreichen nur wenige dieses Alter. Viele Tiere überleben leider nicht einmal ihr erstes Jahr. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt deshalb nur bei zirka 3 bis 5 Jahren – und zwar bei Männchen wie Weibchen gleichermassen. Er ist deshalb auch auf der Roten Liste der gefährdeten Säugetiere gelistet.
Der Hase als Fruchtbarkeitssymbol
Eine Häsin kann pro Jahr mehrere Würfe haben. Nach einer Tragzeit von rund 40 Tagen kommen die 1 bis 3, selten mal 5 Jungtiere in einer geschützten Mulde zur Welt. Als Nestflüchter sind sie voll behaart und mobil, und nur 8 bis 10 Tagen später schon nicht mehr auf ihre Mutter angewiesen.
Mehrere Geburten pro Jahr sind im Tierreich jedoch nichts Ungewöhnliches. Was den Feldhasen trotzdem aussergewöhnlich macht: Die Häsin ist das einzige Säugetier, das während der Trächtigkeit erneut befruchtet werden kann und so verschieden alte Föten gleichzeitig trägt. Diese sogenannte Superfötation erklärt dann auch, weshalb der Hase in vielen Kulturen zum Symbol der Fruchtbarkeit wurde.
Kaninchen
Domestikation
Alle Hauskaninchen stammen vom Europäischen Wildkaninchen ab, das seinen Ursprung in Nordafrika und auf der Iberischen Halbinsel hat. Aus Überlieferungen weiss man, dass diese bereits von den Römern zu Nahrungszwecken in Gehegen gehalten wurden.
Die eigentliche Domestikation des Kaninchens begann jedoch erst vor rund 1500 Jahren durch französische Mönche, die Wildkaninchen zur Nahrungs- und Pelzgewinnung züchteten. Damals galt Kaninchenfleisch nicht als „Fleisch“ und durfte deshalb auch in der Fastenzeit gegessen werden. Auch später diente es immer wieder als wichtige Nahrungsquelle für die einfache Bevölkerung.
Erst im 16. Jahrhundert begann die gezielte Zucht auf bestimmte Farbschläge und Rassen. Heute zählt man fast 400 verschiedene Rassen.
Zu den bekanntesten zählen kleinere Rassen wie der Zwergwidder, die Farbenzwerge, das Holländerkaninchen und das Löwenköpfchen, die Angorakaninchen, aber auch die Rexkaninchen mit ihrem samtigen Fell sowie die grossen Deutschen Riesen erfreuen sich grosser Beliebtheit.
Aussehen
Kaninchen sind deutlich kleiner und gedrungener als Feldhasen. Sie besitzen kurze Vorderbeine und kräftige Hinterbeine, ihr Gewicht liegt zwischen 1 bis 2,5 Kilogramm bei einer Körperlänge von 25 bis 50 Zentimetern.
Ihre Ohren, die sogenannten Löffel, sind kurz, die Augen dunkel und ihr Schwänzchen, die Blume, ist kurz, buschig und nach oben geklappt. Über der rosafarbenen Haut tragen sie ein Fell in unzähligen Farbvarianten: von Wildfarben wie Agouti über Schwarz, Blau/Grau, Braun und Rot bis hin zu verschiedenen Scheckungen ist alles vorhanden.
Folgen der Domestikation
Die Domestikation hatte nicht nur Auswirkungen auf das Aussehen, auch anderes hat sich angepasst:
Das Gehirn des Hauskaninchens ist heute um 20 bis 22 Prozent kleiner als jenes der Wildkaninchen. Da Fressfeinde und die aktive Nahrungssuche wegfallen, müssen Hauskaninchen deutlich weniger Sinnesreize verarbeiten, weshalb auch die Bereiche für Aufmerksamkeit und Angstverarbeitung weniger stark ausgebildet werden mussten. Dennoch bleibt ihr Körper auf Hochalarm ausgerichtet: Das Herz eines Kaninchens schlägt zwischen 130 und 180 Mal pro Minute, das ist bis zu dreimal schneller als das eines Menschen. Bei Stress, Angst oder bei hoher Aktivität kann die Herzfrequenz gar über 300 Schläge pro Minute erreichen. Und auch die Atmung ist mit 30–100 Atemzügen/Minute um einiges schneller als die unsere.
Wie das Kaninchen zu seinem Namen Kam
Die lateinische Bezeichnung «Oryctolagus cuniculus» ist charakteristisch für ihre Lebensweise: «Oryctolagus» bedeutet «hasenartiger Gräber» und «cuniculus» steht für «unterirdischer Gang».
Kaum ein Name könnte treffender für die kleinen Baumeister sein. Aus «cuniculus» formte die Sprache im Laufe der Jahrhunderte erst das altfranzösische «conin», dann das mittelniederdeutsche «kanin» und schliesslich durch Verkleinerung unser heutiges «Kaninchen».
Ganz anders kam es zu seinem Spitznamen: Die typische, langsame Kaubewegung, das sogenannte Mümmeln, brachte ihm den liebevollen Namen «Mümmelmann» ein.
Lebensraum
Wildkaninchen bevorzugen hügelige Landschaften mit reichlich Deckung und trockenen Sandböden, in die sie ihre Höhlen graben können. Gemeinsam errichten sie beeindruckende unterirdische Tunnel- und Kammersysteme, die einer ganzen Kolonie als Zuhause dienen.
Die Gänge können bis zu drei Meter tief in die Erde reichen und bis zu 45 Meter lang sein. Im Zentrum des Baus befindet sich die Wohnstube, von der zahlreiche Gänge und Fluchtwege in alle Richtungen abgehen. Dazu stehen separate Nestkammern zur Aufzucht des Nachwuchses zur Verfügung.
Die Eingänge zu ihren Höhlen sind bewusst eng gehalten und münden unauffällig unter Büschen oder Sträuchern. So können Fressfeinde abgehalten werden. Bei Gefahr kann sich ein Kaninchen regelrecht in diese Röhre fallen lassen und ist so für den Feind wie vom Erdboden verschluckt.
An diesen Grundbedürfnissen hat die Domestikation nichts geändert: Auch Hauskaninchen brauchen Verstecke und Möglichkeiten zum Buddeln. Wichtig deshalb ausreichend Platz: Ein Pärchen benötigt mindestens 6 Quadratmeter Grundfläche, damit die Tiere rennen, hüpfen und einander ausweichen können. Bei grösseren Rassen empfehlen sich 2 Quadratmeter mehr, und für jedes weitere Tier sollten 2 bis 3 qm2 hinzugerechnet werden. Leider sieht man Kaninchen noch viel zu oft in viel zu kleinen Käfigen.
Die Fläche sollte abwechslungsreich gestaltet sein und Sandkuhlen, Buddelmöglichkeiten sowie Häuschen mit mehreren Ausgängen bieten. Auch verschiedene Ebenen bereichern den Lebensraum, ersetzen jedoch nicht die genannte Mindestgrundfläche.
Ernährung
Grundnahrung: Kaninchen sind reine Pflanzenfresser. Den grössten Teil ihrer Nahrung macht dabei hochwertiges Heu aus, das aufgrund ihrer speziellen Verdauung jederzeit in ausreichender Menge zur Verfügung stehen muss.
Heu versorgt sie aber nicht nur mit wichtigen Nährstoffen. Es sorgt auch für eine optimale Verdauung und hält ihre nachwachsenden Zähne durch das stundenlange Kauen auf natürliche Weise kurz. Frisches Grünfutter wie Löwenzahn, Kräuter und Äste zum Nagen ergänzen den Speiseplan, wobei Wildkaninchen in der Natur zusätzlich auch Wurzeln und Rinde aufnehmen.
Leckerbissen: Pellets und kleine Mengen Körner wie Hafer oder Buchweizen können als Ergänzung gegeben werden, sollten aber nie die Basis der Ernährung bilden. Auch Obst, zuckerreiches Gemüse und stärkereiche Körner gehören nur als gelegentliche Leckerbissen ins Futtertöpfchen, da zu grosse Mengen die Verdauung belasten und Diabetes auslösen können.
Erbrechen: Besondere Vorsicht bei der Futterwahl ist auch sonst wichtig, da Kaninchen nicht erbrechen können. Dadurch kann das Kaninchen schädliches oder unverträgliches Futter nicht wieder schnell loswerden. Das kann im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden.
Futterverweigerung: Lebensgefährlich wird es aber auch, wenn ein Kaninchen während 12 Stunden nichts frisst. Eine ausgewogene und sorgfältig zusammengestellte Ernährung ist deshalb keine Frage des Luxus sondern unverzichtbar für ein langes und gesundes Leben.
Blinddarmkot: Wie der Feldhase fressen auch Kaninchen ihren eigenen Blinddarmkot. Dieser weiche, nährstoffreiche Kot entsteht im Blinddarm und wird direkt ab dem After gefressen, meist von uns unbemerkt in den frühen Morgenstunden. Was auf den ersten Blick seltsam wirkt, ist eine ausgeklügelte biologische Lösung: So gelangen wichtige Vitamine, Proteine und Bakterien ein zweites Mal in den Verdauungskreislauf und können vollständig verwertet werden.
Im Tierpark bildet Heu deshalb auch das Hauptfutter unserer Kaninchen. Es besteht aus getrockneten Gräsern, Kräutern, Blüten und Hülsenfrüchten und steht den Tieren jederzeit in ausreichender Menge zur Verfügung. Täglich ergänzen frische Äste zum Nagen den Speiseplan, dazu gibt es regelmässig frisches Grünfutter und gelegentlich Gemüse.
Kraftfutterpellets werden in kleinen Mengen beigegeben, da sie wichtige Nährstoffe liefern und Mangelerscheinungen vorbeugen. Obst hingegen gibt es nur selten und in kleinen Mengen. Dies dient nicht nur ihrer Gesundheit sondern bleibt so für unsere Kaninchen auch ein ganz besonderer Leckerbissen.
Sozialverhalten
Kaninchen sind hochsoziale Tiere, die auf die Gesellschaft von Artgenossen angewiesen sind. Wildkaninchen leben dann auch in Kolonien, die aus 6 bis 12 erwachsenen Tieren bestehen. Ist das Gebiet gross genug, schliessen sich auch mehrere solcher Kleingruppen zusammen, sodass auf einem Hektar manchmal bis zu 150 Tiere leben können.
Hauskaninchen müssen ebenfalls mindestens zu zweit gehalten werden. Ideal ist ein Pärchen aus einem kastrierten Rammler und einem Weibchen. Denn so sehr ein Mensch seinem Kaninchen auch Zuneigung entgegenbringt, seinen Artgenossen kann er nicht ersetzen. Und auch Meerschweinchen, mit denen Kaninchen oft friedlich zusammenleben, sind kein vollwertiger Ersatz: Beide Tierarten unterscheiden sich in Körpersprache und Kommunikation so stark, dass sie sich nur arrangieren aber nicht wirklich glücklich sind.
Aus diesem Grund hat der Tierpark Reinach 2026 mit einem neuen Kaninchengehege je einen eigenen Bereich für die Meerschweinchen und Kaninchen geschaffen.
Rangordnung
Kaninchen haben eine klare Rangordnung, die sich durch die ganze Gruppe zieht. An der Spitze steht ein dominantes Leittier. Ob dies ein Männchen oder Weibchen ist, hängt weniger vom Geschlecht als vom individuellen Charakter des Tieres ab. Unterhalb des Leittiers gibt es weitere Rangstufen, sodass jedes Tier in der Gruppe seinen festen Platz kennt.
Die Rangfolge zeigt sich im Alltag deutlich: Ranghöhere Tiere fordern von rangtieferen Fellpflege ein, verdrängen diese von bevorzugten Ruheplätzen und fressen zuerst. Jedes Tier geniesst diese Privilegien gegenüber den Tieren, die unter ihm in der Hierarchie stehen, und ordnet sich gleichzeitig den Ranghöheren unter.
Veränderungen in der Gruppe, etwa wenn ein neues Tier dazukommt oder ein Gruppenmitglied wegfällt, lösen Rangordnungs-kämpfe aus. Dabei jagen und zwicken sich die Kaninchen und so manches Fellbüschel fliegt durch die Luft. Gegenseitiges Besteigen ist ebenfalls normal und keineswegs sexuell orientiert: Wer oben ist, möchte Chef sein, wer unten bleibt, ordnet sich unter. Solange es zu keinen ernsthaften Verletzungen kommt, ist dies ein normaler Vorgang, in den man nicht eingreifen sollte.
Diese Rangordnungskämpfe sind dann auch der Grund weshalb die Zusammenführung fremder Tiere langsam und auf neutralem Boden stattfinden sollte, wo keines der Kaninchen sein Revier bereits markiert hat. Dadurch lassen sich schwere Rangkämpfe von Anfang an vermeiden.
Soziopositive Verhaltensweisen
Das Zusammenleben von Kaninchen ist jedoch weit mehr als das Aushandeln von Rangordnungen. Im Gegenteil, diese macht in einer stabilen Gruppe einen verschwindend kleinen Teil aus. Denn Kaninchen sind prinzipiell friedliebende Tiere, die echte Bindungen zueinander aufbauen und diese täglich pflegen. Kaninchen, die sich mögen, pflegen sich gegenseitig und zeigen damit, dass sie sich in der Gesellschaft des anderen sicher und wohl fühlen.
Besonders schön zu beobachten ist die gegenseitige Fellpflege. Dabei lecken und kraulen sich die Tiere gegenseitig, vor allem an Stellen, die sie selbst nicht erreichen können, wie Ohren und Kopf. Was auf den ersten Blick wie ein Privileg der Ranghöheren wirkt, ist vor allem ein Ausdruck von Vertrauen und Zuneigung.
Diese soziopositiven Verhaltensweisen zeigen eindrücklich, warum Kaninchen niemals alleine gehalten werden sollten. Ein Artgenosse ist für sie nicht bloss Gesellschaft, sondern lebenswichtig.
Fluchtverhalten
Kaninchen sind Fluchttiere und stets auf der Hut. Bei drohender Gefahr verharren sie zunächst reglos, die Ohren aufgestellt, und beobachten die Situation genau. Dabei sind sie ausgesprochen feinfühlig gegenüber möglichen Bedrohungen. Schon ein ungewohntes Geräusch oder ein Schatten von oben kann die ganze Gruppe in Alarmbereitschaft versetzen und eine blitzschnelle Flucht auslösen.
Um auch im Schlaf keine Gefahr zu verpassen, schlafen Kaninchen häufig mit offenen Augen. Nur wenn sie sich vollkommen sicher fühlen, gönnen sie sich den Luxus, die Augen zu schliessen.
Setzt ein Tier zur Flucht an, folgen alle anderen sofort. Ihr Ziel ist dabei immer der rettende Bau. Dabei sind sie erstaunlich wendig und sprungewandt: Durchschnittlich können Kaninchen bis zu einem Meter hoch springen. Da sie nur Kurzsprinter sind, halten sie sich jedoch nie weit von einer Fluchtröhre auf.
Bei Hauskaninchen ist dieses Fluchtverhalten deutlich weniger ausgeprägt. Das macht Hauskaninchen insgesamt ruhiger und weniger schreckhaft. Trotzdem brauchen auch sie in ihrem Gehege jederzeit zugängliche Verstecke und Rückzugsmöglichkeiten, denn das Grundbedürfnis nach Sicherheit ist auch beim Hauskaninchen tief verwurzelt.
Kommunikation
Kaninchen sind stille Tiere. Anders als Hunde oder Katzen kommunizieren sie kaum über Laute, sondern hauptsächlich über Körpersprache und Düfte. Das hat einen guten Grund: Als Beutetiere vermeiden sie es, unnötig auf sich aufmerksam zu machen.
Ihre Körpersprache hingegen ist ausgesprochen vielfältig. Dabei spielen die Ohren eine zentrale Rolle: aufrecht und beweglich signalisieren sie Aufmerksamkeit, nach vorne gekippt Neugier und flach angelegt Unsicherheit oder Schutzsuche, etwa wenn sich ein Kaninchen duckt und klein macht.
Wer seinen Artgenossen oder dem Menschen den Kopf hinhält, fordert zum Fellpflegen auf. Ein lang ausgestrecktes Kaninchen, das entspannt auf der Seite liegt und dabei leise mit den Zähnen knuspert, fühlt sich rundum wohl. Plötzliche Luftsprünge mit Drehung, die sogenannten Binkys, sind ein untrügliches Zeichen von Ausgelassenheit und Freude.
Ein ebenso wichtiges Kommunikationsmittel, das für uns Menschen jedoch kaum wahrnehmbar ist, sind Düfte. Kaninchen markieren ihr Revier mit Urin, Kot und dem Sekret ihrer Kinndrüsen, indem sie ihr Kinn an Gegenständen reiben. Da sie einen Grossteil ihres Lebens in dunklen unterirdischen Bauten verbringen, wo Körpersprache wenig nützt, können sie so einander bereits auf Distanz am Geruch erkennen, noch bevor ein Sichtkontakt besteht.
Laute setzen Kaninchen nur gezielt ein. Ein tiefes Brummen oder Fauchen signalisiert Verärgerung, ein leises Fiepen Unsicherheit oder Unbehagen. Und stampfen die Hinterläufe rhythmisch auf den Boden, warnen sie ihre Artgenossen vor herannahender Gefahr. Dieser Schall überträgt sich besonders gut durch den Boden und ist auch tief im Bau noch hörbar. Entspanntes Wälzen und Liegen auf der Seite hingegen signalisiert der Gruppe, dass alles sicher ist. Nur in grösster Not stossen Kaninchen schrille, laute Schreie aus.
Fortpflanzung
Kaninchen sind ausgesprochen fruchtbare Tiere. Denn wie Wildkaninchen können auch Hauskaninchen das ganze Jahr über Nachwuchs bekommen und sind dabei bereits ab der 7. bis 8. Woche paarungsbereit. Die Hauskaninchen kennen dabei auch nicht wie die Wildkaninchen eine Hauptpaarungszeit, die bei uns zwischen Februar und Juli liegt und im Süden, mit den wärmeren Wintern bereits im Herbst beginnt.
Besonders interessant: Der Eisprung der Häsin wird nicht spontan ausgelöst, sondern erst durch den Deckakt selbst, analog unserer Katzen. Nach einer Tragzeit von 28 bis 34 Tagen kommen 3 bis 8 Jungtiere zur Welt. Und unmittelbar nach der Geburt ist die Häsin bereits schon wieder empfängnisbereit. Daher auch das Sprichwort:“Sie vermehren sich wie die Karnickel“.
Einige Wochen vor der Geburt beginnt die Häsin damit, ein wärmendes Nest vorzubereiten. Bei Wildkaninchen geschieht dies in einer separaten, kurzen Setzröhre abseits des eigentlichen Familienbaus. Darin polstert sie das Nest mit Heu, Stroh und Fellhaaren aus, die sie sich vom Bauch rupft. So finden die Neugeborenen nicht nur ein weiches Bett vor, sondern gelangen auch leichter an die Zitzen. Die Geburt selbst findet meist nachts statt und verläuft auch bei unseren Hauskaninchen in der Regel ohne menschliche Hilfe.
Neugeborene Kaninchen sind Nesthocker: Sie kommen nackt, blind und taub zur Welt und sind vollständig auf die Mutter angewiesen. In den ersten Lebenswochen ist die Muttermilch lebenswichtig, denn sie enthält nicht nur Nährstoffe, sondern auch wichtige Abwehrstoffe für das noch unfertige Immunsystem.
Die Häsin säugt ihre Jungen meist nur ein- bis zweimal täglich für wenige Minuten und hält sich danach bewusst vom Nest fern. Was nach Gleichgültigkeit wirkt, ist in Wirklichkeit Fürsorge: Indem sie keine Aufmerksamkeit auf das Nest lenkt, schützt sie ihren Nachwuchs vor Fressfeinden. Zudem ist die Kaninchenmilch so nährstoffreich, dass diese kurzen Säugephasen völlig ausreichen, denn die Jungen nehmen selbst in der kurzen Zeit bis zu 20 Prozent ihres Körpergewichts an Milch auf.
Nach etwa zehn Tagen öffnen sich die Augen der Jungen, und nach rund zwei Wochen wagen sie erste Ausflüge aus dem Nest. Ab der vierten Lebenswoche fressen sie zunehmend selbständig, bleiben aber noch auf die Muttermilch angewiesen. Erst mit etwa acht Wochen sind die Jungkaninchen von der Mutter unabhängig.
Der Hase als Osterhase
Die erste schriftliche Erwähnung des Osterhasen stammt aus dem Jahr 1682. Damals beschrieb ein Heidelberger Arzt, dass im Elsass, in der Pfalz und am Oberrhein ein Hase die Ostereier lege und in Gärten verstecke, damit sie von den Kindern gesucht würden. Damals galt dieser Brauch noch als Kindermärchen. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich der Osterhase endgültig als Symbol für Ostern durch, nicht zuletzt dank der aufkommenden Süsswarenindustrie, die erschwing-liche Schokoladenhasen und Zuckereier produzieren konnte.
Dass ausgerechnet der Feldhase zum Osterhasen wurde, ist kein Zufall. Als Symbol der Fruchtbarkeit war er bereits seit der Antike bekannt, und seine Paarungskämpfe im Frühjahr machten ihn zu einem unübersehbaren Zeichen des erwachenden Lebens. Dazu kommt sein scheues Verhalten: Nach dem langen Winter kamen hungrige Feldhasen bis in die Gärten und Felder der Dörfer, und weil sie dort still in ihren Sassen verharrten und plötzlich davonhoppelten, glaubte man, sie hätten die dort gefundenen Eier selbst abgelegt.
Übrigens: Im Englischen heisst der Osterhase Easter Bunny, also wörtlich Osterkaninchen. Dabei war es stets der scheue Feldhase, der die Tradition begründete, und nicht sein zahmer Verwandter.