Eleganz auf ZEHENSPITZEN
Mit seinem prächtigen Schaufelgeweih, dem gefleckten Fell und seiner scheuen, zurückhaltenden Art ist der Damhirsch einer der faszinierendsten Hirscharten. Da wundert es nicht, dass die Wiederkäuer in zahlreichen Tierparks ein Zuhause gefunden haben.
Ihren eleganten Gang und die Wendigkeit verdanken sie übrigens dem Umstand, dass sie als Paarhufer auf Zehenspitzen gehen und ihre Fersen nie den Boden berühren.
Verschwunden und zurückgekehrt
Bereits in der Steinzeit lebten Damhirsche in Teilen Europas und Vorderasiens. Ob sie damals schon so aussahen wie heute, ist jedoch nicht überliefert. Die letzte Eiszeit löschte ihre Spuren in Europa aber dann vollständig aus. Zum Glück überlebte er in Kleinasien und kam dank den Römern und später durch den Adel im Mittelalter wieder zurück ins südliche Europa. Von dort aus breitete er sich als Park- und Jagdwild über ganz Europa aus – und gehört heute zu den weltweit am weitesten verbreiteten Hirscharten
Gross und schwer oder eher zierlich?
Die Männchen des Europäischen Damhirschs* erreichen bei einer Schulterhöhe von 85 bis 95 Zentimeter ein Gewicht von 50 bis 85 Kilogramm. Die Weibchen dagegen sind mit 35 bis 50 Kilogramm und 70 bis 80 Zentimeter Schulterhöhe deutlich zierlicher. Bei beiden schwankt das Gewicht jedoch im Jahresverlauf: bei den Weibchen bis zu 7 Kilogramm, während die Hirsche während der Brunft zwischen 20 bis 27 % ihres Gewichts verlieren können. Mit diesen Massen siedelt sich der Damhirsch zwischen dem Reh und dem Rothirsch an. Was ihn jedoch von beiden deutlich unterscheidet, ist sein einzigartiges Geweih.
* es sind zwei Unterarten bekannt: Der Europäische Damhirsch und der Mesopotamische, welcher in Mesopotamien und evt. auch Nordafrika heimisch ist. Er ist etwas grösser als der europäische und weist eine etwas andere Geweihform auf. Im Gegensatz zum europäischen ist sein Bestand stark gefährdet.
Knochen statt Horn
Das wohl auffälligste Merkmal des Damhirschs ist das mächtige Geweih, welches bis zu 70 Zentimeter lang werden kann. Die bei älteren Tieren breitflächigen Geweihenden führten dann auch zu seiner Bezeichnung als Schaufelgeweih.
Im Gegensatz zum Horn der Ziege, welches innen hohl ist, besteht das Hirschgeweih vollständig aus Knochenmaterial. Dieses stammt jedes Jahr zu einem erheblichen Teil aus den Skelettknochen des Tiers, was dazu führt, dass insbesondere die Rippen infolge des Geweihwachstums poröser werden. Im Unterschied zu den menschlichen Knochen, werden diese jedoch beim Hirschen anschliessend wieder aufgebaut. Man nennt es deswegen auch eine zyklisch physiologische Osteoporose.
Geweihwachstum und -abwurf
Jedes Jahr im Frühling wird das alte Geweih abgeworfen und innerhalb von rund 4 Monaten durch ein neues ersetzt. Dabei reagiert das Gewebe des Rosenstocks auf hormonelle Signale: der sinkende Testeronspiegel löst das Geweihwachstum aus, der steigende beendet es. Spannend dabei: die älteren Hirsche werfen ihr Geweih meist schon im April ab, während die jungen Spiesser oft erst im Mai oder Juni folgen. Der Verlust ist für den Hirschen übrigens nicht schmerzhaft, da der Knochen an der Basis aufgelöst wird.
Bald danach wird die Abwurfstelle durch eine stark durchblutete und mit Nerven versehenen Hautschicht geschützt, dem sogenannten Bast, unter der das neue Geweih heranwächst. Wenn dieses nach zirka 110 Tagen ausgewachsen ist, wird die Blutversorgung eingestellt, das Gewebe stirbt ab und die Basthaut trocknet aus. Die übriggebliebenen Hautreste entfernt der Hirsch durch Reiben an Bäumen und Sträuchern. Dieses als Fegen bezeichnete Verhalten findet meist zwischen Ende August und im September statt. Und wenn du genau hinschaust, entdeckst du im Wald sogar noch Spuren davon.
Da nun der blanke Knochen zu sehen ist, leuchtet das frisch gefegte Geweih strahlendweiss. Später, wenn der Hirsch sein Geweih an Bäumen und Büschen reibt, färbt es sich durch die Pflanzensäfte bräunlich.
Vom Spiesser zur Schaufeler
Das erste Geweih erscheint mit ca. 12 Monaten und besteht zunächst nur aus zwei einfachen, unverzweigten Stangen. Daher stammt auch die Bezeichnung Spiesser. Von Jahr zu Jahr entwickelt sich das Geweih weiter, bis es die charakteristischen breiten Schaufeln aufweist und 2 Kilogramm und mehr wiegen kann.
Die Grundform selbst ist genetisch festgelegt, Stärke und Grösse werden jedoch vom Nahrungsangebot und den Umweltbedingungen beeinflusst. Und je kräftiger das Geweih am Ende ausfällt, desto wirkungsvoller ist es beim Buhlen um die Hirschkühe und im Kampf gegen rivalisierende Hirsche
Ein Fell für alle Jahreszeiten
Was den Damhirsch von anderen Hirschen noch unterscheidet, ist sein Fell, welches sich im Laufe des Jahres deutlich wandelt: Im Sommer leuchtet es hell-rostbraun mit weissen Flecken und auf dem Rücken zeigt es einen dunklen Aalstrich. Ab Mitte Oktober weicht dieses bunte Sommerkleid dann einem schlichten Graubraun. So ist das Tier im Winter in den Wäldern fast unsichtbar, während es die Flecken im Sommer mit der Umgebung verschmelzen lassen.
Bei uns im Tierpark Reinach gibt es jedoch noch eine besondere Variante zu entdecken: die melanistischen Damhirsche. Ihr Fell ist durch eine erhöhte Produktion des Farbpigments Melanin dunkelbraun bis schwarz gefärbt und weist selbst im Sommer kaum Flecken auf. Selbst der typische schwarz umrandete weisse Spiegel ist bei ihm, wenn überhaupt, nur schwach ausgeprägt. Diese dunkle Variante ist auch in freier Wildbahn anzutreffen, dort ist sie jedoch eine echte Seltenheit.
Übrigens gibt es beim Damhirsch noch weitere Farbvarianten wie den helleren Menil-Damhirsch oder den weissen Damhirsch. Letzterer ist nicht mit einem Albino zu verwechseln, sondern stellt eine eigene Farbvariante mit dunklen Augen dar.
Sinnesleistungen und Kommunikation
Zum Schutz vor Feinden ist das Sehvermögen bei den Damhirschen besonders gut entwickelt. Auch Gehör und Geruchssinn sind gut ausgebildet. Dadurch nehmen sie selbst die kleinste Annäherung noch wahr und können rechtzeitig flüchten.
Um ihre Artgenossen vor Feinden zu warnen, nutzen Damhirsche optische und akustische Signale. Bei letzteren stossen sie bellende Geräusche aus und informieren dadurch ihre Artgenossen vor drohenden Gefahren. Das wichtigste Warnsignal ist jedoch der steil nach oben gestreckte Schwanz, was die weisse Unterseite sichtbar macht und so das Fluchtsignal gibt. Gleichzeitig sorgt diese deutliche Sichtbarkeit, dass sich die Tiere auf der Flucht nicht aus den Augen verlieren.
Der zirka 15 bis 20 Zentimeter lange Schwanz, welcher in Jägersprache auch Wedel genannt wird, ist aber auch sonst ein wichtiges Kommunikationsinstrument. Da er sich deutlich vom weissen Spiegel am Po abhebt, ist jede Veränderung von den Rudelmitgliedern gut zu sehen und sie erkennen dadurch gleich, was im Gegenüber gerade vor sich geht:
Ist das Tier entspannt, hängt der Schwanz locker herab. Zieht er ihn jedoch eng an den Po oder gar unter den Bauch, signalisiert er Verunsicherung, Unterwürfigkeit oder gesundheitliche Beeinträchtigungen. Ein schnell hin und her wedelnder Schwanz deutet hingegen auf Erregung hin, man kann dies aber auch kurz bevor sich ein Tier hinlegt, beobachten. Und droht Gefahr, wird der Schwanz waagrecht nach hinten gestreckt.
Lautäusserungen spielen dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Neben dem obengenannten Warnruf hört man sie vor allem in der Brunftzeit oder im Austausch zwischen Mutter und Kitz.
Leben im Rudel und doch getrennt
Damhirsche sind hochsoziale Tiere, die ausserhalb der Paarungszeit jedoch streng nach Geschlecht getrennt leben. Während die Weibchen meist bei der Mutter und ihrem Rudel bleiben, lösen sich die jungen Männchen spätestens gegen Ende ihres zweiten Lebensjahres aus dem Familienverband und bilden mit anderen jungen Männchen ihr eigenes Junggesellenrudel. Ältere Hirsche findet man hingegen oft als Einzelgänger.
Nur während der Brunft im Oktober und November schliessen sich die Hirsche den Hirschkühen an, besetzen dort feste Brunftplätze, die sie mit ihrem Urin markieren, und lautstark gegen Rivalen verteidigen.
Scheue Waldbewohner
Solange die Damhirsche ungestört sind, sind sie tagaktiv und bevorzugen offene Landschaften, die sich mit Feldern und kleinen Waldpartien abwechseln. In lauten oder bejagten Gebieten hingegen ziehen sie sich tagsüber zurück und verlegen die Nahrungsaufnahme auf die Dämmerung am Morgen und Abend.
Ihr Tag ist dann auch geprägt von Nahrungsaufnahme und langen Ruhephasen zum Wiederkäuen, die sie meist im Liegen verbringen. Das kannst du bei deinem Besuch auch bei uns im Tierpark beobachten.
Vegetarier und wiederkäuer
Wie alle anderen Hirscharten ist auch der Damhirsch ein Wiederkäuer und dadurch in der Lage auch schwer verdauliche, faserreiche Nahrung gut zu verwerten, selbst wenn diese nur wenige Nährstoffe enthält. Dadurch ist er ein anspruchsloser Esser, dessen Nahrung hauptsächlich aus Gräsern, Kräutern, jungen Trieben, Blättern, Rinde sowie Früchten und Pilzen besteht. Er verschmäht aber auch die verschiedenen Getreidearten nicht.
Je nach Jahreszeit verändert sich auch sein Speiseplan: Von Mai bis September bildet Gras den Hauptbestandteil. Im Herbst und Winter spielen hingegen Früchte eine wichtige Rolle – besonders Kastanien, aber auch Eicheln, Äpfel, Birnen und Pflaumen.
In unserem Tierpark erhalten die Tiere täglich frisches Emd (zweiter Heuschnitt mit vielen Kräutern) oder Heu. Zusätzlich bekommen sie Kraftfutter, damit sie ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind. Gelegentlich füttern wir auch Kastanien, Äpfel, Karotten, Birnen oder Salat. Die benötigten Mineralien und wichtige Spurenelemente nehmen unsere Damhirsche über einen Salzleckstein auf.
Gut Versteckt im Gras und Unterholz
Mit zwei Jahren werden Hirschkühe geschlechtsreif. Ihr Kitz, selten auch mal zwei, bringen sie nach einer fast 8-monatigen Tragzeit im Juni/Juli zur Welt.
Kurz vor der Geburt sondert sich die Kuh von der Gruppe ab und sucht eine gute Versteckmöglichkeit, um ihr Kitz zu gebären. Obwohl das frischgeborene Kitz nach nicht einmal einer Stunde in der Lage ist, selbständig zu gehen, folgt es der Mutter nicht, wenn diese zum Fressen weggeht. Stattdessen bleibt es in seiner Deckung und verhält sich ruhig. Dank seines gefleckten Fells ist es dabei gut getarnt und sein kaum vorhandener Geruch verhindert, dass Fuchs oder Habicht seinen Duft in die Nase bekommen. Nur wenn seine Mutter zum Säugen zurückkommt, was zirka 5 bis 6 Mal pro Tag geschieht, macht es auf sich aufmerksam.
Trotzdem drohen ihm Gefahren: Fehlender Schatten in heissen Sommern oder langanhaltende Feuchtigkeit können seine Lebensgeister schwächen. Aber noch gefährdeter ist es durch Mähmaschinen, da es auch vor ihnen nicht flieht. Deshalb werden zum Glück immer mehr Wiesen vorgängig mit Wärmebildkamera abgesucht und die Kitze in Sicherheit gebracht. Dabei werden die Kitze nicht angefasst, sondern auf einem Grasbüschel weggetragen.
Nach zwei bis drei Wochen kehrt die Hirschkuh mit ihrem Kitz zu ihrem Rudel zurück. Danach säugt die Hirschkuh ihr Jungtier noch bis zu zehn Monate, wobei die männlichen Kitze in der Regel etwas länger gestillt werden.
Dabei entwickeln sie sich erstaunlich schnell: Bereits nach zwei bis drei Monaten äsen sie zunehmend selbstständig, und gegen Ende des zweiten Lebensjahres sind sie vollständig ausgewachsen. In freier Wildbahn werden Damhirsche zwischen 15 bis 20 Jahre alt, in Gehegehaltung erreichen sie manchmal sogar 25 bis 30 Jahre.
Abschied mit gutem Gewissen
Der Tierpark Reinach hat sich 2025 entschieden, keinen weiteren eigenen Nachwuchs aufzuziehen, und so durften Onyx und die jüngeren Hirsche in ein grosses, naturnahes Waldgebiet im Jura umziehen, wo sie ihr weiteres Leben verbringen werden. Wir wünschen ihnen alles Gute auf ihren neuen Streifzügen und freuen uns, dass unsere verbliebenen Damhirsch-Damen weiterhin Jahr für Jahr die Herzen unserer Besucherinnen und Besucher erobern.